
Hauptsache, et Hätz is joot
Ich bin Jeck. Mit rheinischer DNA. Mit Herz. Mit Seele. Mit Tränen in den Augen, wenn ich den Dom sehe. Mit diesem ganz bestimmten Zungenschlag im Februar.
Und ja – ich weiß, was manche sagen: „Stimmung auf Knopfdruck.“ „Aufgesetzte Fröhlichkeit.“ „Ein bisschen zu viel. Zu bunt. Zu laut.“
Et is wie et is.
Hauptsache, et Hätz is joot
Kreativitätsexplosion mit vill Jeföhl
15.000 Lieder – und jedes trägt Gefühl
Kreativitätsexplosion mit vill Jeföhl
Karneval wird oft belächelt.
Wer von „Knopfdruck“ spricht, hat vermutlich noch nie hunderte Stunden an einem Kostüm gesessen. Noch nie erlebt, wie aus einer Idee Gemeinschaft wird. Wie aus Vorbereitung Vorfreude wächst. Wie 6,2 Kilometer Zugweg am Rosenmontag nicht nur Strecke, sondern Verbindung sind.
Ich sehe eine Frau aus Berlin im Interview. Herzchirurgin. Ihr Kostüm: "kumulativ etwa 70 Stunden Arbeit“, sagt sie. Filigranes Paillettenwerk. Der rechte Stiefel? Nicht fertig geworden – wegen Überstunden und Zusatzschichten.
Wie viel Herz passt bitte in so ein Bild?
Ich sehe Traditionskorps, die seit Jahren an kompostierbaren Kamelleverpackungen arbeiten. Die ein ausgeklügeltes Tauschsystem mit Bagagewagen anstelle von unachtsam weggeworfener Kartons am Zugweg nutzen. Neben ihrem Traditionswagen ein futuristisch-stylisch durchdesigntes E-Mobil als Mottowagen.
Tradition und Weiterentwicklung. Ambiguitätstoleranz in Konfetti gehüllt.
Karneval ist keine Oberflächlichkeit. Er ist eine Kreativitätsexplosion mit vill Jeföhl.
15.000 Lieder – und jedes trägt Gefühl
Die Süddeutsche Zeitung schrieb kürzlich von rund 15.000 Karnevalsliedern. Fünf-zehn-tausend.
Fünfzehntausend Refrains über Heimat. Über Freundschaft. Über Verlust. Über Sehnsucht. Über Zusammenhalt. Über Ankommen. Über Abschied und Neubeginn. Über Tod.
Der Autor listete die Hauptthemen auf: Sentimentalität. Gemeinschaftssinn. Willkommenskultur. Geselligkeit. Und ja – sogar der Tod als Teil des Lebens.
Das ist kein flacher Soundtrack. Das ist ein kollektives Gefühlsarchiv.
Und für mich ist Karneval vor allem eines: Singen.
Wenn die Bläck Fööss anstimmen. Wenn Kasalla die Menge springen lässt. Wenn Brings rockt – und ich mich erinnere, wie sie einst im strömenden Regen auf einer Burg im Aachener Hinterland spielten und wir eine superjeile Zick hatten (da gab es das Lied noch gar nicht und mit Karneval hätte Brings niemand in Verbindung gebracht). Wenn Cat Ballou singt: Et jitt kei Woot, dat sare künnt, wat isch föhl, wenn ich an ming Heimat denk. Oder die Höhner: Hej Kölle, du bess e Jeföhl.
Es geht ums Gefühl. So, so oft. Vielleicht gestehen wir uns das nur nicht ein, weil wir selten wirklich gelernt haben, mit Gefühlen umzugehen.
Unser autonomes Nervensystem - das reagiert. Sofort. Auf Rhythmus. Auf Gemeinschaft. Auf Zugehörigkeit.
Das ist keine Schwäche. Das ist Biologie.
Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Moment. Im Coaching sprechen wir auch von einem magischen Moment voller Möglichkeiten. Manche Nennen es"'Niemannsland" oder "'Raum, in dem Freiheit entstehen kann".
Dort kann ich entscheiden: Lasse ich mich tragen? Beobachte ich? Singe ich? Weine ich beim Blick auf den Dom?
Ich darf alles davon.
Jeck sein und reflektiert sein schließen sich nicht aus. Im Gegenteil.
Zwischen den Welten
Und ich bin auch das Kind, das kein Kölsch sprechen durfte.
Aus Sorge. Damit es mir später leichter fällt als meinen Cousins, die in der Schule an der Sprache scheiterten.
Also sprach ich Hochdeutsch. Sehr korrekt. Sehr deutlich. Und stand auf dem Spielplatz zwischen zwei Welten.
„Wessen Fahrrad ist das?“
„Wat???“
„Wem gehört dieses Fahrrad?“
„Red dütsch mit mer!“
„Wem iss dat Rad?“
„Ah! Dat iss dat Rad vum Schulze Guido.“
Ich fühlte mich wie ein Alien. Zu kölsch für die Hochdeutschen. Zu hochdeutsch für die Kölschen.
Vielleicht hat genau dieses Dazwischen meinen Blick geschärft. Für Zwischentöne. Für Ambivalenzen. Für das Sowohl-als-auch. Für Sprache.
Maske oder Mensch?
Karneval arbeitet mit Masken. Mit Rollen. Mit Verkleidung.
Im Coaching arbeite ich oft mit dem Gegenteil – mit dem behutsamen Ablegen von Masken.
Und weißt du was?
Beides braucht Mut.
Sich zu verkleiden heißt nicht automatisch, sich zu verstecken. Manchmal erlaubt gerade die Maske,
eine Facette zu zeigen, die im Alltag keinen Raum bekommt. Spielerisch. Unbeschwert. Wie zu Kindertagen.
Vielleicht ist Karneval kein Verbergen, sondern ein Probehandeln. Ein Sich-Ausprobieren. Ein „Was wäre, wenn ich auch das bin?“
Und vielleicht ist genau das der tiefere Kern: Nicht Fassade. Sondern Facette.
Vom Sonnenschein und vom Verlust
Die Kleine in mir war – trotz allem – immer ein Sonnenschein. Mit Lust aufs Leben. Mit Neugier. Mit diesem inneren Leuchten.
Erst als ich meinen ersten Burnout als solchen wahrzunehmen begann, wurde mir bewusst, dass von diesem Sonnenschein nicht mehr viel übrig war.
Und genau das hat mich damals wachgerüttelt.
Vielleicht ist das der tiefste Grund, warum ich es heute so wichtig finde, dass wir wir selbst sein können. Nicht angepasst. Nicht funktionierend. Nicht nur leistungsfähig.
Sondern lebendig.
Mein erster Praktikumstag nach langer Krankheit und ReHa in einem Kindergarten war ein Rosenmontag. Ich war Ende 30, am Anfang einer Umschulung – in Delmenhorst. Weit weg vom Rheinland.
Fast entschuldigend wurde ich gefragt, ob ich denn trotzdem kommen wolle. Die Erzieher seien kostümiert.
Ob ich wollte?
Ich war hocherfreut. „Na, wenn Sie da einem Karnevalsjeck mal nicht einen echten Liebesdienst erweisen.“
Zum ersten Mal in meinem Leben war ich ein Clown.
Es wurde ein wunderbares, prägendes Jahr. Ein lustiges. Ein tränenreiches.
Für die Kinder war alles normal.
Verkleidung.
Fehler machen.
Etwas ausprobieren, das sie noch nie zuvor getan hatten.
Man wird nicht dümmer durch neue Erfahrungen.
Es braucht viele Wiederholungen. Rückschläge inklusive. Bis etwas Neues im System verankert ist. Bis es verkörpert ist.
Blöd nur, dass wir das als Erwachsene irgendwann zu vergessen scheinen.
Hauptsache, et Hätz is joot
Karneval – immer fröhlich? Immer gut gelaunt? „Immer“ ist eine Killerphrase.
Sind wir immer 100 Prozent kongruent? Immer liebevoll – selbst zu uns? Immer irgendwas?
Sicher nicht.
Auch kritische Stimmen dürfen sich wandeln. Selbst Wolfgang Niedecken kann mit scharfem Blick auf Gesellschaft unterwegs sein – und trotzdem Jeck loss Jeck elans vertonen. Das, was auf einem der ersten Schilder im Rosenmontagszug steht.
Widerspruch ist kein Makel. Er ist Menschsein.
Et is wie et is.
Nur eines bleibt für mich unverhandelbar: Hauptsache, et Hätz is joot.
Nicht perfekt. Nicht eindeutig. Nicht ohne Ambivalenz.
Ich reflektiere – also bin ich. Und ich singe – also lebe ich.

Plakat im Schulflur meiner Fachschule für Sozialpädagogik in Hamburg (2013)
Karneval ist für mich nie Oberfläche gewesen. Sondern Verbindung. Nicht Maskierung – sondern Ausdruck. Nicht Flucht – sondern Verwurzelung.
Ich kann über Nervensysteme sprechen. Über Reiz und Reaktion. Über bewusste Entscheidung. Und ich kann Alaaf rufen.
Beides gehört zu mir.
Beim Schreiben dieses Blogartikels ist meine Datenautobahn im Hirn um eine jecke Spur reicher geworden. Ich habe gelacht. Ich habe geweint. Ich habe aufgearbeitet.
Zick, ze danze.
Tanzen erhöht die Energie. Singen auch.
Und mein Herz tanzt mit. "Und jedes Molekül bewegt sich."
Vielleicht ist genau heute der richtige Moment, deinem Gefühl eine Stimme zu geben.
